Ehrenamt im Licht des Evangeliums und der Erfahrung von Lourdes.
Nicholas King sj, Hospitalier von Unserer Lieben Frau von Lourdes
Einführung: Geschichte eines Brancardiers
Als ich zum ersten Mal nach Lourdes kam, habe ich geschworen, niemals wieder hierher zu kommen. Es war im Sommer 1963, ich war zu dieser Zeit 16 oder 17 Jahre und wohnte bei einer französischen Familie in der Nähe von Lourdes. Wir waren nur für einen Tag nach Lourdes gekommen, es war, glaube ich, Mariä Himmelfahrt.
Sicher ist, dass die Stadt voll von Menschen war und das, was mir besonders auffiel, waren zwei Dinge: der Aberglaube und die Profitgier, die in Lourdes zu jeder Zeit allgegenwärtig waren. Deswegen hatte ich mir fest vorgenommen, nie wieder hierher zu kommen. Aber ein Jahr später organisierte die Schule, die ich besuchte (das englische Jesuitengymnasium von Stonyhurst) ihre eigene Pilgerfahrt. Aus persönlichen Gründen, die ich heute noch nicht verstehen kann, habe ich gewusst, dass ich mitfahren musste und ich habe meine Sparbüchse geleert, um die ungeheure Summe (wenn ich mich richtig erinnere) von 27 Pfund und zehn Schilling (vielleicht 40€) zu bezahlen. Ich habe damals gedacht, es sei gut ausgegebenes Geld. Und diese Reise hat meine Begeisterung geweckt und diese Begeisterung ist geblieben. Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits ist mir klar geworden, dass ich mehr empfing als ich selber gab, als ich mich um die Kranken kümmerte, die in der Krankenherberge Sept-Douleurs untergebracht waren. Andererseits habe ich bei meinen spätabendlichen Besuchen in der Grotte die Überzeugung gewonnen, dass dort eine Gegenwart herrschte, die über meinen Verstand ging und deren Existenz ich nicht verleugnen konnte. Seit dieser Zeit war für mich diese Gegenwart wie eine Kraft, die mich dazu ermutigt hat, wiederzukommen, auch während der vielen Jahre, die ich in Afrika verbracht habe, als es für mich unmöglich war, hinzufahren. Später, nachdem ich das Gymnasium verlassen hatte, bin ich auf die Universität gegangen und ich habe diese unvermeidliche Phase von Atheismus und Misstrauen der Kirche gegenüber erlebt. Zu dieser Zeit hatte ich mir schon zur Gewohnheit gemacht, jedes Jahr nach Lourdes zu kommen und konnte meine zwei vorhin erwähnten Erkenntnisse nicht loswerden. Und heute bin ich hier. Was sind die Werte des Evangeliums, die in Lourdes lebendig werden und in welchem Zusammenhang stehen sie mit dem”ehrenamtlichen Dienst”, dem “Freiwilligendienst” und dem “freien Beitrag”?
Ich möchte hier sechs grundsätzliche, in den Evangelien hervorgehobene Punkte unterstreichen. Der Sechste ist auch wichtig, obwohl er nicht im Mittelpunkt steht.
- Jesus als Gott unter uns
- Jesus als “Herr”
- Jesus ist wirklich gestorben und von den Toten auferstanden
- Jesus begegnen wir in denjenigen, denen wir dienen
- Jesus als Diener, der sein Leben gegeben hat
- Und Maria, was ist mit ihr?
1. Keine andere Hand als Ihre
Man erzählt die Geschichte eines italienischen Dorfes, das während des zweiten Weltkrieges von einer Bombe getroffen wurde. Am schwersten beschädigt wurde die Statue von Unserer Lieben Frau, der das Dorf vor Jahrhunderten geweiht wurde. Die Einwohner beschlossen, sie wieder herzustellen. Es gelang ihnen, genug Material aus den Ruinen zu bekommen, um die ganze Statue zu restaurieren. Es fehlten nur die Hände; Die Statue wurde so gelassen und auf dem Sockel wurde geschrieben: “Voi sarete le mie mane” (”Sie werden meine Hände sein”). Es ist ein sinnvolles Motto für die Menschen, die nach Lourdes kommen. Denn es ist sehr schwierig, von Jesus als Mensch gewordenem Gott zu sprechen (wie wir es zu leicht machen). Einer meiner früheren Lehrer sagte gern: “Wenn Sie wissen wollen, wie Gott aussieht, schauen Sie Jesus an”. Das ist sicherlich nicht falsch. Aber das ist schwierig, denn Gott ist unsichtbar und man kann ihn nicht begreifen. Und Jesus ist physisch auch nicht da. Wir brauchen also einen Gott “aus Fleisch und Blut”. Dieses Bedürfnis wird sowohl in Lourdes als auch nach unserer Heimkehr im Umgang mit anderen Menschen (wenn man sich bemüht) erfüllt. In Lourdes entdecken wir mit Freude, dass es möglich ist, diesem Gott zu begegnen, der uns freiwillig und kostenlos hilft und zwar in der Person dieser ganz normalen und nicht perfekten Menschen.
Diese wichtige Erfahrung ist in dem wunderschönen Satz aus dem Evangelium nach Johannes gut ausgedrückt: “Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt”. Der Gott, den wir in Lourdes erkennen, führt ein unsicheres, schwieriges Leben, das Leben eines Pilgers.
Johannes 1,1-18
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.
Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“
Wir könnten auch über die letzten Worte des Matthäusevangeliums nachsinnen. Es ist die Zusammenfassung dieses wunderbaren Evangeliums über denjenigen, der “Emmanuel - Gott mit uns” ist, und dessen letzte Worte lauten: “Ich bin bei euch alle Tage”.
Matthäus 28,16-20
„Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Bemerkenswert ist, dass diese Worte für die “Elf” bestimmt sind, anders gesagt für die Gruppe, die wegen der Treulosigkeit eines Menschen reduziert ist. Bemerkenswert ist auch, dass der Evangelist schreibt, dass sie “vor ihm niederfielen und einige Zweifel hatten”. Es handelt sich hier um eine wichtige Erfahrung, um die Begegnung nicht perfekter Menschen mit diesem “Gott aus Fleisch und Blut”. Und das kann man auch in Lourdes erleben. Es geschieht außerdem auf einem “Berg”, einem im Matthäusevangelium sehr wichtigen Ort. Von den Bergen, von denen ja auch Lourdes umgeben ist, sind wir gesandt, um aus Nichtgläubigen, Nachbarn oder Kollegen, Jünger zu machen.
2. Jesus als “Herr”
Die Bezeichnung” Herr” ist aus zwei Gründen subversiv. Das entsprechende griechische Wort Kyrios, das wir noch verwenden, wenn wir Kyrie Eleison singen, klingt für uns einfach und selbstverständlich. Es ist jedoch der Titel, den die griechischsprachigen Juden im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung verwendeten, um das Tetragramm YHWH, den heiligen Namen Gottes, zu übersetzen, den keiner aussprechen darf. Die Christen hatten festgestellt, dass sie Gott diesen Titel geben sollten, wenn sie ihrer Erfahrung mit Gott gerecht werden wollten. Und daher entstanden unvermeidliche Spannungen mit den Juden, von denen sie abstammten. Wie alle gläubigen Juden beteten sie dreimal am Tag das “Schma” (”Der Herr unser Gott ist einzig”) und, indem sie diesen Titel auf Jesus erweiterten, hatten sie eine sehr subversive Initiative ergriffen.
Diese Initiative war auch aus einem anderen Grund subversiv, denn in diesem ersten Jahrhundert gönnten sich die römischen Kaiser den Titel “Herr”. Sie haben es sehr schnell erlaubt, dass ihnen zu Ehren Tempel gebaut wurden, so dass sie in kurzer Zeit zu Göttern wurden. Und dann kommen diese Christen, die keine so alte Religion wie die der Juden haben, sondern nur eine moderne Sekte sind, die von nichts abstammte und außerdem felsenfest glauben, dass dieser Verbrecher, der gekreuzigt wurde, auch “Kyrios/ Herr” ist.
So waren Probleme mit beiden Seiten, der römischen und der jüdischen, unvermeidlich.
Und was ist mit Lourdes? Für mich versinnbildlicht die eucharistische Prozession am besten diesen Titel “Herr”, der Jesus zugesprochen wird: Jesus steht im Mittelpunkt, er wird inmitten der Menschen getragen, gerade dort, wo er während seines Lebens und seines Dienstes wahrscheinlich am glücklichsten war. Sie können auch feststellen, dass die Prozession subversiv ist: Denn wer geht ganz vorne? Weder die Diakone, die Priester, die Bischöfe oder die Kardinäle, sondern die Kranken, die Behinderten, die Leidenden, all diejenigen, die die Welt als unwichtig betrachtet.
Es hat sich übrigens einiges in Lourdes geändert. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich noch an den Mann mit dem schwarzen Stab, der sich bei jeder Prozession vergewisserte, dass sie jeden Tag ganz genau am gleichen Ort begann und endete, der dafür sorgte, dass jeder bis zu den Marienkindern seinen Platz kannte. Einige erinnern sich auch noch an den rauschenden Lautsprecher, der sagte: “So ist die Reihenfolge in der Prozession”. Heute verläuft die Prozession nicht mehr in so strenger Ordnung und die Menschen kennen ihren Platz nicht, aber es ist ganz deutlich, dass Jesus der “Herr” ist.
Und wer nimmt in der Prozession den am wenigsten wichtigen Platz ein? Die wohlhabenden und gesunden Menschen, die bezahlen, um die Ehre zu haben, hier arbeiten zu dürfen und genau an ihrem Platz bleiben sollen. Dieser Jesus zugesprochene Titel “Herr” ist ein vollkommen subversives Phänomen.
Hören wir jetzt zwei Texte, die dieses Argument begründen; wir könnten sie so nennen: “Jesus hat schlechten Umgang”.
Markus 2,16-17
„Als die Schriftgelehrten, die zur Partei der Pharisäer gehörten, sahen, dass er mit Zöllnern und Sündern aß, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann er zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?
Jesus hörte es und sagte zu ihnen: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.“
Lukas 15,1-2
„Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.“
Der zweite Text nach Lukas ist eine Einführung in drei seiner bekanntesten Geschichten, die diesen Jesus zugesprochenen subversiven Titel “Herr” veranschaulichen: die Geschichte “vom verlorenen Schaf”, die “von der verlorenen Drachme” und die “vom verlorenen Sohn” im 15. Kapitel des Evangeliums. Die Grundidee dieser drei Geschichten ist, dass etwas verloren und wieder gefunden wurde und dass es sich lohnt, sich darüber zu freuen. Das haben wir alle in Lourdes im Laufe der Jahre als eine unverdiente Gabe Gottes erlebt. Das haben wir in unserem eigenen Leben und im Sakrament der Versöhnung erlebt. Aus diesem Grunde bezahlen Leute, um die Ehre zu haben, Jahr für Jahr hier zu arbeiten.
3. Jesus ist gestorben und auferstanden
Im Mittelpunkt des Evangeliums steht, wie Paulus uns daran erinnert, “die Nachricht, die zu schön ist, um wahr zu sein” und zwar, dass Jesus gestorben und von den Toten auferstanden ist oder, besser gesagt, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. Hier, in Lourdes, bekommen wir eine kleine Ahnung von dieser Macht Gottes, das Leben zu schenken. Nicht (wie viele aufgeregte Journalisten, naive Touristen oder hiesige Skeptiker es denken), weil wir Wunderheilungen erleben oder erfinden, sondern weil in Lourdes ein Gefühl der Lebenskraft spürbar ist, die Krankheit und Schmerzen besser zu ertragen hilft. Die “Kranken”, wie wir sie manchmal zu schnell nennen, sind insbesondere die “zerbrechlichen Gefäße” (2. Korintherbrief 4,7), die in sich den Schatz der Lebenskraft Gottes tragen. Das haben wir alle in Lourdes erlebt. Alle diejenigen, die nach Lourdes kommen, auch die Kranken, die geheilt wurden, werden eines Tages sterben.
Aber Lourdes besitzt etwas Besonderes, das den Tod anders sehen lässt. Hier haben wir, stelle ich mir vor, alle am Bett von Sterbenden gesessen und es ist ein Erlebnis ohnegleichen. Der Tod wird natürlich als schmerzlich aber auch als ein Freund empfunden und wir sind tief in uns sicher, dass der Tod, sei er hier oder woanders, nicht das Ende ist. In Lourdes werden wir uns des Sieges der Liebe über den Tod bewusst. Und dieses wunderbare Bewusstwerden führt uns dazu, Jahr für Jahr wieder hierher zu kommen in der Gewissheit, dass wir, indem wir unseren Dienst tun, viel mehr empfangen als wir je geben könnten. Wenn wir das anerkannt haben, fühlen wir uns im Gleichklang mit den ersten Christen, für die die unglaubliche Nachricht der Auferstehung und alles was folgte, den Kern ihres Glaubens bildeten.
1 Korinther 15,1-8
Mit folgenden Worten hat Paulus die Christen, die miteinander gestritten haben, an diese wichtige Wahrheit erinnert.
„Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht.
Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als Letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der «Missgeburt».“
4. Die Begegnung mit Jesus in denjenigen, denen wir dienen
Folgendes ist schwer zu erklären, wenn man es nicht selber erlebt hat, aber es ist etwas, das die Eltern wissen. Indem sie sich den Bedürfnissen und Forderungen ihrer tyrannischen Kinder beugen, lernen sie sich selber kennen. Nicht Selbstzerstörung, sondern Hingabe und Selbstaufopferung drängen sie dazu, unterbrochene Nächte, Schreie und Krisen, Putzen und (manchmal) den Undank zu ertragen. Das Ganze ist dieser Macht zu verdanken, die wir manchmal leichtsinnig “Liebe” nennen.
Dieser Gedanke wird auch teilweise bei Matthäus deutlich, als Jesus im Gleichnis von den Schafen und den Böcken von den Diensten spricht, die den Hungrigen, Durstigen, Kranken, Kleiderlosen, Eingesperrten und Obdachlosen geleistet werden, als würden diese Dienste ihm selber geleistet. Und ich gehe jede Wette ein, dass jeder von uns so etwas in Lourdes erlebt hat: Das erfreuliche Bewusstwerden, dass die Erledigung schwieriger oder unangenehmer Aufgaben für unsere Gäste und Herren hier in Lourdes, trotz unserer Ungeschicklichkeit, erstaunlicherweise eine echte Begegnung mit Jesus ist. Und es wäre einfach unverschämt, für eine solche Ehre um eine Entlohnung zu bitten. Das ist eben, was wir mit dem Wort “Freiwilligendienst” meinen.
Es fällt uns schwer, darüber zu sprechen, wir können es nur erleben oder andeuten. Aber wir können es in unserem Gebet erwähnen.
Wir können tun, wozu uns Ignatius von Loyola in seinen Geistlichen Übungen einlädt, während wir über die Geburt Jesu meditieren (Geistliche Übungen 104, 114):
104: „Vor dem Gebet frage ich mich, was ich möchte. Bei diesem Nachsinnen bitte ich um die enge Kenntnis des Herrn, der für mich Mensch geworden ist, damit ich ihn mit mehr Inbrust lieben und ihm mit mehr Treue folgen kann…“
114: „Der Hauptpunkt ist, dass ich die Personen sehen werde: Unsere Liebe Frau, Joseph, die Dienerin und das Jesuskind, als es geboren wird. Ich werde vor ihnen stehen wie ein kleiner Bettler und wie ein kleiner Sklave, der es nicht wert ist, vor ihnen zu erscheinen. Ich werde sie ansehen, betrachten, ich werde ihnen eilfertig und respektvoll dienen, als wäre ich wirklich anwesend. Dann werde ich innig darüber nachdenken, um daraus Nutzen zu ziehen.“
Indem wir so unsere Einbildungskraft benutzen, können wir die Dienste, die wir unseren kranken Pilgern leisten, in eine gebetsreiche Begegnung mit Christus umwandeln. Wir könnten auch zum Beispiel auf der Grundlage eines Textes aus den Evangelien wie diesem beten:
Matthäus 25,31-46
„Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?
Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.
Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?
Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.
Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.“
5. Jesus der Diener
Ich möchte mich heute mit einem Wert des Evangeliums näher befassen, nämlich dem Wert des Dienstes. Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, dass im Markusevangelium die Jünger Jesu nicht sehr klug sind. Im Markusevangelium 10, 35-45 erfahren wir, dass sich Jakobus und Johannes besonders schlecht benommen haben, indem sie als Erste behandelt werden wollten und fragten, ob sie die besten Plätze im Gottesreich haben könnten. Aber Jesus erklärte ihnen: “Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.”
Menschen, die zu Hause ehrgeizig und machthungrig sind, und auch kompetente und energische Menschen, die sich in ihrem Bereich ausgezeichnet haben, entdecken in Lourdes diese überwältigende Wahrheit: Indem sie sich dem anspruchsvollen Dienst an denjenigen widmen, die die Welt für unwichtig hält, lernen sie sich selbst kennen.
Und warum entscheiden sich diese Menschen für diese Arbeit? Aus einem einfachen Grund: Liebe hat keinen Preis; sie steht über jedem Preis.
Als Paulus von der bedingungslosen Liebe Gottes zu den Menschen spricht, benutzt er ein für uns vielleicht zu wenig beachtetes Wort, das für ihn aber sehr viel bedeutet und in unserem Leben aufgewertet werden sollte, das Wort “Gnade”: die völlig bedingungslose Gottesliebe, die auch subversiv ist, da sie nie von der Frage abhängt: “Ist dieser Mensch meiner Liebe würdig?” Sie beruht auf Menschenliebe und schaut dann, was geschieht.
Jesaja 55,1-2
„Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung! Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen.“
Markus 10,32-45
„Während sie auf dem Weg hinauf nach Jerusalem waren, ging Jesus voraus. Die Leute wunderten sich über ihn, die Jünger aber hatten Angst. Da versammelte er die Zwölf wieder um sich und kündigte ihnen an, was ihm bevorstand. Er sagte: Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf; dort wird der Menschensohn den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert; sie werden ihn zum Tod verurteilen und den Heiden übergeben; sie werden ihn verspotten, anspucken, geißeln und töten. Aber nach drei Tagen wird er auferstehen.
Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen. Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind. Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“
6. Und Maria?
Und was ist mit Bernadette Soubirous, die eine Erscheinung dort an der Grotte von Massabielle gesehen hat? Und was ist mit der Frau, die sie, ihrem Bericht nach, gesehen hat?
Vielleicht denken Sie, dass ich schon damit hätte anfangen sollen, über die Mutter Gottes zu sprechen; aber sie steht nicht im Mittelpunkt der Botschaft der Evangelien. Es gibt dennoch für uns, die ehrenamtlichen Helfer in Lourdes, drei Phasen in denen Maria uns hilft. Bei der Verkündigung des Herrn sagt der Engel zu ihr, dass sie die Mutter des Messias sein wird und er begrüßt sie mit folgenden Worten: “Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir!” Es bedeutet, dass Maria “von der Gnade berührt wird” oder, dass sie “bedingungslos geliebt wird”. Wenn wir wie Maria eine solche Erfahrung der bedingungslosen Liebe erlebt haben, und wenn wir verstehen, was das bedeutet, dann können wir darin als ehrenamtliche Helfer einen Sinn finden: Wir wissen, dass wir alles von Gott geschenkt bekommen haben, und indem wir unseren Dienst tun, haben wir die Möglichkeit, diese “Geschenkte” zurückzugeben. Im Lukasevangelium zeigt uns Maria zweimal, was wir machen können; einmal nach dem Besuch der Hirten: “Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach” (Lukas 2,19); und ein zweites Mal, als Jesus als Jugendlicher seine Unabhängigkeit gefordert hat: “Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen” (Lukas 2,51b). Am Ende wirkt die diskrete Gegenwart Mariä beruhigend in wichtigen Momenten. Sie steht am Fuße des Kreuzes ihres Sohnes (manchmal ist es das Einzige, das wir machen können, wenn wir großen Schmerzen gegenüberstehen). So berichtet das Johannesevangelium:
Johannes 19,26-27
„Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“
Später ist Maria bei den Jüngern, als sie im Gebet auf das Herabkommen des Heiligen Geistes warten, der ihnen die Fähigkeit geben wird, voll und ganz ihren Dienst zu tun:
Apostelgeschichte 1,13-14: „Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus. Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.“
Als Maria diese außergewöhnliche Rolle angetragen wird, fragt sie sich nicht: “Das ist ja schön, aber wie viel wird es kosten? Was werde ich verdienen?” Sie kam, genauso wenig wie Bernadette, auf die Idee, dass sie damit Geld verdienen könnte. Aus diesem Grund steht für uns in Lourdes der Freiwilligendienst im Mittelpunkt.
Lukas 1,26-38:
„Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.
Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.
Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben.
Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich.
Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.″